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Bal(l)kan-Philosophie

12. September 2013 Allgemein

Gibt es eine kroatische oder serbische Basketball-Philosophie? Existiert so etwas wie eine jugoslawische Basketballschule? Ist eine Linie erkennbar, die sich unweigerlich durch das Basketballspiel und die Arbeit serbischer oder kroatischer Coaches zieht? Wir haben den Versuch unternommen, einen roten Faden zu ziehen, um die Motivation und die Philosophie einiger Trainer aus dem ehemaligen Jugoslawien zu durchleuchten.

Wenn sich aus den für diesen Bericht geführten Gesprächen mit serbischen und kroatischen Trainern der kleinste gemeinsame Nenner in Bezug auf die Basketball-Philosophie bzw. -Grundstruktur ableiten lässt, dann muss an dieser Stelle der Headcoach der Licher BasketBären, Igor Starcevic, zitiert werden, der seine Sicht auf die „Balkan-Basketballschule“ mit drei Worten beschreibt: „Respekt, Disziplin und Leidenschaft.“ Vor allem die Disziplin besitzt bei allen Trainern einen sehr hohen Stellenwert. Disziplin in Sachen Training. Disziplin in der Umsetzung von Vorgaben. Disziplin im Sinne des Teams und der persönlichen Einstellung. Doch woher kommt dieser Wunsch nach positivem Gehorsam, basketballerischer Gefolgschaft und wahrer Passion. Ist es der eigene Anspruch des Coaches, der auf die Spieler projiziert wird? Oder doch ein Stück weit Kultur, Erziehung und Lebenseinstellung, die sich im Spiel und den Trainingseinheiten widerspiegelt. „Ich denke, dass sich im ehemaligen Jugoslawien gemachte Lebens- und Trainingserfahrungen bei vielen kroatischen und serbischen Coaches in deren Spiel und deren Basketballarbeit wiederfindet“, so der 41-jährige Headcoach des Regionalligisten MTV Kronberg, Miljenko „Milo“ Crnjac. Sein Berufskollege Pedja Glisic, von Makkabi Frankfurt, spricht von einem „eher weniger demokratischen“ Coaching-Stil.  Beide Betreuer, wie übrigens alle anderen Trainer auch, haben ihre sportliche Grundausbildung im Südosten Europas genossen. Dort, wo ein eiserner Wille, aber auch physische und vor allem psychische Ausdauer gefragt war und ist. Eigenschaften, die auch der in Zagreb geborene Ex-Bundesligaprofi Kresimir „Kresi“ Miksa von seinen jungen Spielern beim MTV Stuttgart einfordert: „Geduld, Geduld, Geduld und harte Arbeit“. Vorgemacht ist bekanntermaßen nachgemacht. So kommt es allen Beteiligten zu Gute, dass sie sich selbst im leistungsorientierten Sportumfeld bewegt und bei diversen Profi-Klubs trainiert und gespielt haben. Ob nun Igor Starcevic u. a. in Belgien; Milo Crnjac, Igor Perovic, Dejan Kostic und Kresi Miksa in Deutschland oder Pedja „Freddie“ Glisic als semiprofessioneller Fußballer in der hessischen Oberliga bei Rot-Weiß und Eintracht Frankfurt. Alle wissen was es heißt erfolgreich zu sein – aber auch was es heißt, respektvoll mit den Spielern umzugehen und sich akribisch auf Matches vorzubereiten. Ob Spielsysteme oder gutes Scouting, kaum etwas wird dem Zufall überlassen. „Kontrollierte Spielweise“, wie es Miljenko Crnjac nennt. „Konsequentes Auftreten und sich an Verabredungslagen halten“, so der 43-jährige Glisic. „Abmachungen“, die, wie Glisic, auch der C-Lizenzinhaber Miksa mit seinen Spielern trifft.  Wird sich seitens der Akteure auf dem Court nicht an die spielerischen und taktischen Vereinbarungen gehalten, kann auch mal, so der 43-jährige Gießen-Pointers-Trainer, Dejan Kostic, „die etwas lautere Balkan-Mentalität“ zu Tage treten. Wobei Emotionen wahrlich nichts Länderspezifisches sind. Dann schon eher die Verbundenheit zu den großen serbischen und kroatischen Spielern, Klubs und Trainern. „Ich bin mit Partizan Belgrad, Jugoplastika Split und Cibona Zagreb groß geworden. 1987 muss es gewesen sein, da gewannen diese Vereine alle europäischen Titel, die es zu gewinnen gab. Die jugoslawischen Klubs dominierten Europa.“ Es ist Freude, aber auch ein kleinwenig Stolz, die die Sätze  des 36-jährigen Igor Perovic begleiten. Da ist die Rede von „Lifestyle“, einer Lebenseinstellung – aber auch von „hard work“, wenn der Headcoach der Walter Tigers Tübingen über die serbische Basketballschule sinniert. Harte und ehrliche Arbeit, wie sie auch der ehemalige Langener Igor Starcevic von seinen Schützlingen erwartet: „Jede Sekunde Spielzeit muss sich der Spieler erarbeiten. Und er muss immer alles geben.“ Eisern anmutende Worte. Doch müssen Basketballer, so Starcevics Trainerpendant Pedja Glisic: „Ihre Ziele maximal und rigoros verfolgen, um sich zu verbessern.“ Aber nicht nur die Ergebnisse ihrer sportlichen Laufbahn unterstreichen die Worte der Coaches, sondern auch die Resultate ihrer Arbeit in ihrem Heimatverein. So führte u. a.  Crnjac den MTV Kronberg bis in die damalige 2. Bundesliga Süd, Dejan Kostic die Gießen Pointers in die ProB und Glisic den TuS Makkabi Frankfurt von der Kreisliga bis in die Regionalliga. Bemerkenswerte Leistungen, die auch die großen Trainer des Balkans vollbracht haben und mitunter immer noch vollbringen: Aleksandar „Aca“ Nikolić, Dušan „Duda“ Ivković, Božidar „Boža“ Maljković, Želimir “Željko” Obradović und Svetislav Pešić. Virtuose Trainer, die abgefärbt haben. Männer, die wahren Basketball-Einfluss und positiv-gestalterische Macht besaßen und besitzen.  Charismatische Basketball-Lehrer, die beeindrucken. Coaches mit visionärem Einfluss, der auf die heutige Trainergeneration einwirkt. Ein Wirken, das nicht heißt: abkupfern, kopieren oder gleichmachen. Sondern eher meint, seine eigene Philosophie zu entwickeln. „Ein konkretes Trainervorbild habe ich nicht. Ich schaue vielmehr nach wirkungsvollen Bausteinen anderer Coaches und entscheide, ob ich diese in meine Arbeit einfließen lassen kann“, so der B-Lizenzinhaber Crnjac. Eine Meinung, die die anderen „Balkan-Trainer“ teilen, hat doch jeder der Betreuer seine individuelle Marschroute. Tübingens Perovic spricht von seiner „own philosophy“ und „good relations“ innerhalb seiner Mannschaft. Der 1993 nach Deutschland gekommene Kostic versucht „Spaß und Fleiß zu kombinieren“ und „keine Trainingseinheit wie die andere aussehen zu lassen“. Dem 38-jährigen Starcevic kommt es darauf an, dass „alle zusammen verteidigen“ und „der einzelne Spieler mehr als nur seine eigene Rolle auf dem Feld sieht“.  Der schwäbelnde Kroate Miksa sieht in „Spielern mal an der kurzen, mal an der langen Leine zu halten“ einen wichtigen Faktor; und der ehemalige Fast-Profifußballer Glisic legt Wert auf „die Rekrutierung der richtigen Spieler“, so dass der „Zusammenhalt innerhalb des Teams groß ist und auch erhalten bleibt“.

Nun gibt es aber nicht nur Mentalitätsunterschiede und infrastrukturelle Differenzen zwischen Deutschland sowie Kroatien und Serbien, sondern auch gesellschaftliche. Steht auf dem Balkan primär der sportliche Leistungsgedanke im Vordergrund, wo, so Crnjac: „Untalentierte Spieler erst gar nicht die Halle kommen dürfen, sondern nur hungrige Akteure“, ist der Basketball in Deutschland eher Breitensport orientiert. Aber nicht nur der Freizeit- und Spaßeffekt trägt dazu bei, dass das orangene Leder im ehemaligen Jugoslawien einen höheren Stellwert besitzt als in den hiesigen Gefilden, sondern auch die Verknappung der persönlichen Freizeit der Jugendlichen in Deutschland, hervorgerufen durch längere Schulzeiten und, so Glisic: „Ein teilweise zu fürsorgliches und verwöhnendes Elternhaus.“

Um zum Schluss allerdings auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, ob es denn eine serbische oder kroatische Basketballschule gibt, darf an dieser Stelle Svetislav Pešić zitiert werden, der sich im Lumani-Blog wie folgt dazu äußert: „Man kann sagen, dass es eine Yugo Schule des Basketballs gibt, falls nicht, kann man aber ganz deutlich sagen, dass es eine Yu Methodik des Trainings und eine Yu Methodik der Sichtung und Selektion von Spielern und Jahrgängen gibt.“

Wie vieles andere im Leben, ist auch die Frage nach der „jugoslawischen Basketballschule“ eine Frage des persönlichen Standpunktes und der eigenen Sichtweise.

Quelle: SPOPS